Der Aswang zählt zu den furchterregendsten Kreaturen der philippinischen Mythologie und teilt seine finsteren Eigenschaften mit bekannteren Wesen wie Vampiren oder Ghulen. Bevorzugt im tropischen Klima Asiens beheimatet, ist die Legende des Aswang vor allem auf den Philippinen tief verwurzelt.
Das Doppelleben des Aswang: Nachbar bei Tag, Monster bei Nacht
Das wahre Grauen dieser Kreatur liegt in ihrer perfekten Tarnung: Tagsüber ist der Aswang ein völlig unauffälliger Mensch. Ob Mann oder Frau, er oder sie lebt mitten unter den anderen, vielleicht als stiller Nachbar, als besonders hilfsbereite Person oder sogar als attraktive Erscheinung, die ihre wahre Natur hinter einem freundlichen Lächeln verbirgt. Ihr Haus ist oft auffallend reinlich und gepflegt – eine Fassade, um jede Form von Misstrauen im Keim zu ersticken.
Doch wenn die Dunkelheit hereinbricht, fällt die menschliche Maske und die Bestie erwacht. Angetrieben von einem unersättlichen Hunger, streift der Aswang durch die Nacht, immer auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.
Die heimtückische Jagd: Wie der Aswang seine Opfer wählt
Bei seiner Jagd ist der Aswang nicht nur blutrünstig, sondern auch heimtückisch und opportunistisch. Er meidet den direkten Kampf mit starken Gegnern und sucht sich stattdessen gezielt schwache und wehrlose Opfer aus, die ihm seine schreckliche Mahlzeit nicht unnötig erschweren. Zu seiner bevorzugten Beute zählen Kranke, allein reisende Wanderer und insbesondere schwangere Frauen, da der Fötus als besondere Delikatesse gilt. Mit seiner langen, dünnen und röhrenartigen Zunge saugt er das Blut seiner Opfer oder verzehrt ihre inneren Organe, allen voran die Leber und das Herz.
Der tödliche Tausch: Die Legende vom hölzernen Doppelgänger
Eine besonders grausame Taktik des Aswang dient dazu, seine Taten so lange wie möglich zu verschleiern. Hat der Dämon ein Opfer überwältigt, tötet er es nicht sofort. Stattdessen erschafft er aus Pflanzenmaterial wie Bananenstämmen oder Baumstümpfen ein magisches, lebensechtes Abbild seines Opfers. Diesen Doppelgänger, ähnlich einem Wechselbalg, schickt der Aswang zurück ins Haus der Familie. Dort legt sich die Kopie ins Bett, erkrankt schwer und stirbt nach kurzer Zeit eines scheinbar natürlichen Todes.
Während die Angehörigen einen Kranken pflegen, hat der Aswang das echte Opfer längst in sein Versteck geschleppt – oft eine abgelegene Höhle –, um es dort ungestört und genüsslich Stück für Stück zu verspeisen. Durch diesen grausamen Tausch gewinnt das Monster wertvolle Zeit und entgeht einer schnellen Entdeckung.
Schutz vor dem nächtlichen Jäger: Wie wehrt man einen Aswang ab?
Obwohl der Aswang mächtig ist, gibt es traditionelle Methoden, um sich vor ihm zu schützen. Knoblauch ist, ähnlich wie bei europäischen Vampiren, das bekannteste Abwehrmittel. Sein starker Geruch soll den Aswang verjagen und seine Sinne verwirren. Reibt man ein potenzielles Opfer, das noch am Leben ist, mit Knoblauchsaft ein, gilt die Mahlzeit für den Dämon als »verseucht«, und er lässt von ihm ab.
Weitere Schutzmaßnahmen umfassen:
- Salz: Das Ausstreuen von Salz soll den Aswang ebenfalls abhalten.
- Weihwasser: Segnungen und geweihtes Wasser wirken gegen diese unheilige Kreatur.
- Stachelrochen-Schwanz: Ein zu einer Peitsche verarbeiteter Schwanz eines Stachelrochens (Buntot Pagi) gilt als eine der wirksamsten Waffen, um einen Aswang im Kampf zu verletzen oder zu töten.
Ein Monster, viele Gestalten: Die regionalen Namen des Aswang
»Aswang« ist ein Oberbegriff für eine ganze Familie des Schreckens. Je nach Region, Legende und den spezifischen Fähigkeiten des Monsters, ist der Aswang unter vielen verschiedenen Namen bekannt.
Hier sind die geläufigsten Bezeichnungen und was sie bedeuten:
- Manananggal: Dies ist die wohl berühmteste (und schrecklichste) Variante. Der Name bedeutet »die, die sich abtrennt«. Es handelt sich fast immer um eine weibliche Kreatur, die nachts ihren Oberkörper vom Unterleib löst, um mit fledermausartigen Flügeln auf die Jagd nach schwangeren Frauen und deren ungeborenen Kindern zu gehen.
- Tiktik / Tik-Tik: Benannt nach dem »tik-tik«-Geräusch, das diese Kreatur von sich gibt. Es ist oft ein vogelähnlicher Dämon, der ebenfalls Jagd auf Schlafende oder Schwangere macht. Die Legende besagt, dass der Klang trügerisch ist: Ist er laut zu hören, ist der Tiktik weit weg. Wird das Geräusch leiser, ist er direkt in deiner Nähe.
- Wak-Wak / Ekek: Ähnlich wie der Tiktik sind dies lautmalerische Namen, die das Geräusch beschreiben, das diese oft als vogelähnlich beschriebenen Monster beim Fliegen machen. In vielen Geschichten sind die Begriffe Tiktik, Wak-Wak und Ekek austauschbar.
- Bal-Bal: Diese Form des Aswang ist ein Leichenfresser. Er schleicht sich nachts auf Friedhöfe oder zu Trauerfeiern, stiehlt den Leichnam und hinterlässt an seiner Stelle einen Stamm einer Bananenpflanze, der die Form des Verstorbenen annimmt.
- Sigbin: Ein blutsaugendes Wesen, das oft wie eine Mischung aus Ziege, Känguru und Hund ohne Hörner beschrieben wird. Es soll rückwärtslaufen und sich im Schatten seiner Opfer verstecken, bevor es zuschlägt. Manchmal wird der Sigbin als Haustier eines Aswang-Meisters beschrieben.
- Asbo: Dies ist eine weitere Bezeichnung, die in einigen Regionen verwendet wird und oft einen Aswang beschreibt, der die Form eines großen, schwarzen Hundes annimmt.
Die genaue Bezeichnung hängt also stark davon ab, auf welcher Insel der Philippinen die Geschichte erzählt wird und welche schreckliche Eigenschaft des Monsters – ob Gestaltwandlung, Flugfähigkeit oder die Geräusche, die es macht – im Vordergrund steht.
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