Diesen Fluss zu verfolgen, erfordert einen eisernen Geist, der sich gegen das allgegenwärtige Leid abschirmt. Die feuchte Schwere der Luft drückt massiv auf die Schultern. Das ständige, klagende Heulen abertausender Stimmen vibriert unangenehm tief in den Zähnen. Das Auge sehnt sich in dieser grauen Ödnis bald verzweifelt nach einem einzigen, warmen Farbtupfer.
Der Bruch des Schwurwassers
Die Spur beginnt an einer schlammigen Gabelung tief unten auf der siebten Spirale des Styx. Das laute Tosen der schwarzen Wasser verstummt schlagartig, sobald der Weg dem flacheren, trägen Gewässer folgt. Eine unnatürliche Kälte kriecht durch die Sohlen in die Knochen. Der Boden wird weich und aschegrau. Ein vielstimmiges, leises Wimmern weht heran, als würde der eisige Wind selbst vor Schmerzen weinen.
Das Feld der fahlen Ascheblüten
Bald öffnet sich die Höhle zu einer endlosen, grauen Ebene. Der karge Uferstreifen wird von riesigen Silberpappeln und tief hängenden Trauerweiden gesäumt. Ihre knochenweiße Rinde fühlt sich an wie eiskalter Stein, und die mageren Äste schleifen unablässig über die eisige Strömung. Dahinter erstreckt sich ein wogendes Meer aus blassem Affodill. Die fahlen, kniehohen Blumen verströmen keinen süßen Duft.
Streifen Stiefel durch die Felder, rascheln die Blüten wie trockenes, brüchiges Pergament und zerfallen bei der kleinsten Berührung zu Staub. Wer unvorsichtig auf die scharfen Ufersteine tritt, zerquetscht dort dunkle, kriechende Minze, deren stechender, eiskalter Geruch bissig in die Nase steigt. Inmitten dieser trostlosen Felder stehen graue, durchscheinende Gestalten regungslos oder starren mit leeren Augen auf ihre Hände. Der Drang, sich einfach in den grauen Staub zu setzen und aufzugeben, wächst mit jedem Atemzug.
Der steinerne Altar der Erinnerung
Wo die fahlen Affodillfelder enden, rauscht der Fluss dicht an einer gewaltigen, glühenden Felskuppel vorbei – dem Dach des Tartaros. Hier verbreitert sich das Ufer um ein massives, aus rohem Fels gehauenes Altar-Gebilde. In einer schalenförmigen Vertiefung sammelt sich das eisige Flusswasser. Unzählige Verdammte drängen sich schreiend darum, gezwungen, das salzige Nass zu trinken. Der bittere Gestank von tausenden Tränen ist so dicht, dass er sich schwer auf die Zunge legt. Direkt hinter diesem Altar stürzt der Fluss senkrecht über die Klippen und zerschellt brüllend in den lodernden Flammen des Phlegethon.
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