In den alten Schriften der Seher und Dichter liegt über den Wassern des Lethe eine feierliche Stille. Wo die anderen Ströme der Unterwelt Schmerz, Klage und loderndes Feuer tragen, bringt dieser Fluss das große Schweigen. Er markiert den tiefsten Wendepunkt jeder sterblichen Existenz. Er trennt das, was war, von dem, was neu entstehen muss.
Geburt aus der Ur-Nacht und der Zwietracht
In den Versen von Hesiods Theogonie tritt Lethe zuerst als eine eigenständige Gottheit auf. Sie gilt als Tochter der Eris, der Göttin des Streits, und als Enkelin der uralten Göttin Nyx, der personifizierten Nacht. Erst in späteren Jahrhunderten wandelte sich das Bild: Die Gottheit verschmolz mit dem Gewässer der Unterwelt. Der Lethe entspringt laut den Schilderungen des römischen Dichters Ovid tief im Inneren einer lichtlosen Höhle, in der Hypnos, der Gott des Schlafes, auf weichen Federn ruht. Das leise Rieseln des Lethe-Quells über feine Kiesel ist das einzige Geräusch, das in diesem Gewölbe den tiefen Schlummer nährt.
Durstige Schatten auf dem Weg zur Seelenwanderung
Im berühmten Mythos des Er, den der Philosoph Platon im zehnten Buch seines Werkes Politeia niederschrieb, erhält der Fluss eine zentrale Aufgabe bei der Wiedergeburt. Die Seelen der Verstorbenen wandern nach einem langen Läuterungsprozess durch eine glühend heiße, schattenlose Ebene. Am Ende dieses Marsches erreichen sie den Fluss Ameles, den Fluss der Sorglosigkeit, der ein Seitenarm der Lethe ist. Jede Seele ist gezwungen, ein bestimmtes Maß dieses Wassers zu trinken. Unbeherrschte Geister trinken aus Gier zu viel und verlieren jedes Wissen um frühere Fehler und Talente, ehe ein Blitz sie in neue Leiber auf die Erde schleudert.
Die orphische Gegenbewegung und die Zypresse
Anhänger der orphischen Mysterienkulte fürchteten diesen Zustand der geistigen Leere. Archäologische Funde in antiken Gräbern in Süditalien und Griechenland brachten hauchdünne Orphische Goldblättchen ans Tageslicht, die den Toten als Grabbeigabe mitgegeben wurden. Diese Täfelchen enthielten eine präzise Wegbeschreibung für die Unterwelt: Die Seele sollte sich vor der Quelle der Lethe und der daneben stehenden weißen Zypresse hüten. Stattdessen sollten die Eingeweihten nach der Quelle der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, suchen und den dortigen Wächtern zurufen: „Ich bin ein Kind der Erde und des gestirnten Himmels.“ Nur so behielten sie ihr kosmisches Wissen und entkamen dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten.
Das irdische Ritual im Orakel von Lebadeia
Der Glaube an die Wirkung des Lethe-Wassers blieb nicht auf das Jenseits beschränkt. Der antike Reiseschriftsteller Pausanias berichtet von einer realen Kultstätte in Böotien: dem Orakel des Trophonios. Wer dort die Götter um Rat fragen wollte, musste zuerst in eine Schlucht hinabsteigen und aus zwei nebeneinander liegenden Quellen trinken. Die erste Quelle war das Wasser des Lethe, um alle bisherigen Alltagssorgen und weltlichen Gedanken vollkommen zu vergessen. Direkt danach trank der Pilger aus der Quelle der Mnemosyne, damit die folgenden Visionen für alle Zeiten fest im Gedächtnis verankert blieben.
Lethe in Games, Filmen und Büchern
Der Fluss des Vergessens dient als ideales Werkzeug, um Identitätsverlust, Neuanfänge und den Schrecken vor dem Vergessen darzustellen.
- Dantes Göttliche Komödie: Dante Alighieri platziert den Fluss Lethe an die Spitze des Läuterungsberges im irdischen Paradies. Das Trinken aus seinen Wellen tilgt die Erinnerung an eigene Sünden, bevor der Pilger zum Fluss Eunoë schreitet, um die guten Taten wieder in sein Gedächtnis zu rufen.
- Hades (Videospiel): Im Werk von Supergiant Games bildet der Lethe-Fluss einen zentralen Bestandteil der Unterwelt-Atmosphäre. Schattenwesen schöpfen aus seinen Wassern, um den Schmerz ihres vergangenen Lebens zu vergessen, was die orphische Mythologie detailreich aufgreift.
- Percy Jackson & Helden des Olymp (Buchreihe): Rick Riordan verwendet das Wasser des Lethe als mächtiges Mittel im Kampf gegen feindliche Mächte. Titanen und Ungeheuer verlieren durch den Kontakt mit dem Wasser augenblicklich ihre Kampfabsichten und ihre Erinnerungen.
- Goethes Faust II: In den Eröffnungsszenen baden Naturgeister den von Schuld geplagten Gelehrten Faust im Tau des Lethe-Stroms. Das Wasser nimmt ihm den quälenden Schmerz über das Schicksal Gretchens und ermöglicht einen seelischen Neuanfang.
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