Anregend und unterhaltsam berichtet Rudolf Simek aus der mittelalterlichen Welt der Monster und Fabelwesen. Er beschreibt woher sie kommen und wie groß ihre Bedeutung war. Manche Fabelwesen sind bis in die Gegenwart erhalten geblieben. In dem Buch stellt er 250 Fabelwesen einzeln mit Bildern vor.
Der Ursprung der Fabelwesen: Wie Monster in den Köpfen der Menschen entstanden
Bevor es das Internet, Kameras oder moderne Wissenschaft gab, war die Welt für die Menschen ein riesiger, unbekannter Ort voller Rätsel. Wenn der Boden bebte, Blitze vom Himmel zuckten oder riesige Knochen gefunden wurden, gab es dafür keine logische Erklärung in Büchern. Die Menschen nutzten das einzige Werkzeug, das sie hatten: ihre Fantasie. Aus Angst, Staunen und Missverständnissen wuchsen Geschichten, die über Jahrtausende hinweg zu den Drachen, Einhörnern und Riesen wurden, die heute aus Fantasy-Geschichten bekannt sind.
Historischer Faktencheck
- Zyklopen: Auf Sizilien lebten früher Zwergelefanten. Ihre Schädel haben in der Mitte ein großes Nasenloch. Die alten Griechen hielten dies fälschlicherweise für eine einzige, riesige Augenhöhle und erfanden den einäugigen Riesen.
- Drachen & Greifen: In der Wüste Gobi (Asien) finden sich viele Fossilien des Protoceratops. Dieser Dinosaurier hatte einen Schnabel und vier Beine. Reisende hielten die Knochen für Überreste von Greifen (Löwenkörper mit Adlerschnabel).
- Meerjungfrauen: Seefahrer, die monatelang auf See waren, sahen Seekühe (Manatis) oder Robben aus der Ferne. Durch den Wunsch nach Gesellschaft und schlechte Sicht wurden diese fülligen Meerestiere in Erzählungen zu schönen Frauen mit Fischschwänzen.
Knochen aus einer anderen Zeit
Einer der stärksten Gründe für den Glauben an Monster liegt tief unter der Erde begraben. Wenn Bauern oder Bauarbeiter vor hunderten von Jahren auf riesige Zähne oder Oberschenkelknochen stießen, die so groß waren wie ein erwachsener Mann, passte das zu keinem bekannten Tier. Ein Bär oder ein Löwe hat keine Zähne, die so lang sind wie ein Unterarm.
Die naheliegendste Erklärung war die Existenz von Ungeheuern. In China wurden Dinosaurierknochen traditionell als »Drachenknochen« bezeichnet und sogar zu Pulver zermahlen, weil man ihnen Heilkräfte zusprach. In Europa hielt man die riesigen Überreste von Mammuts oft für die Gebeine von Riesen oder biblischen Ungeheuern. Die Knochen waren der »Beweis«, dass diese Wesen wirklich existierten, sie waren für die Menschen damals greifbar und echt.
Die Angst vor dem Unbekannten
Nicht nur Fundstücke, sondern auch die Lücken auf der Landkarte sorgten für neue Kreaturen. Früher waren weite Teile der Welt, besonders die tiefen Ozeane und dichten Urwälder, noch nie von Menschen betreten worden. Was man nicht kennt, macht oft Angst. Das menschliche Gehirn neigt dazu, in Schatten und Geräuschen Gesichter oder Gefahren zu erkennen.
Ein raschelnder Busch in der Nacht wurde in der Erzählung schnell zu einem Werwolf. Eine riesige Welle, die ein Schiff verschlang, musste das Werk eines gigantischen Kraken sein, nicht einfach nur schlechtes Wetter. Diese Geschichten dienten als Warnung: »Geh nicht zu tief in den Wald« oder »Segle nicht zu weit hinaus«. Monster waren also oft Platzhalter für echte Gefahren, denen man einen Namen und ein Gesicht gab, um sie besser begreifen zu können.
Reiseberichte und "Stille Post"
Ein weiterer Ursprung vieler Fabelwesen liegt in den Berichten von Reisenden. Wenn ein Entdecker in einem fernen Land zum ersten Mal ein Nashorn sah, beschrieb er es zu Hause vielleicht als »ein Tier, stark wie ein Pferd, mit einem Horn auf der Nase«.
Der Zuhörer, der noch nie ein Nashorn gesehen hatte, stellte sich aber kein graues, schweres Tier vor, sondern ein elegantes, weißes Pferd mit einem magischen Horn. So wurde aus einem echten Tier durch Weitererzählen ein Fabelwesen. Ähnliches geschah mit der Giraffe, die in alten Texten oft als eine Mischung aus Kamel und Leopard (Camelopardalis) beschrieben wurde, weil man keine Wörter für das neue Tier hatte. Je öfter eine Geschichte weitergegeben wurde, desto fantastischer und ausgeschmückter wurden die Details, bis vom ursprünglichen Tier kaum noch etwas übrig war.
Fabelwesen sind selten reine Erfindungen aus dem Nichts. Sie sind fast immer eine Mischung aus echten Beobachtungen, der Furcht vor Naturgewalten und dem Versuch der Menschen, die Welt zu erklären. Jeder Drache und jedes Einhorn trägt einen Kern Wahrheit in sich – oft ist es ein alter Knochen oder ein missverstandenes Tier, das durch die Kraft der menschlichen Fantasie unsterblich wurde.
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