Die Legenden über die Götter und Ungeheuer des alten Ägypten sind voller Magie, heldenhafter Kämpfe und unvorstellbarer Gefahren. Doch keine Geschichte ist so zentral und so ewig wie der Kampf zwischen Licht und Finsternis, der jede einzelne Nacht aufs Neue ausgefochten wird. Im Herzen dieser Legende steht eine Kreatur, die das pure Chaos verkörpert: die Riesenschlange Apophis.
Woher kommt die Schlange des Chaos?
Über den wahren Ursprung von Apophis rätselten schon die alten Ägypter. Die mächtigste Legende besagt, dass er nicht einfach nur erschaffen wurde, sondern so alt ist wie die Schöpfung selbst. Er ist ein Wesen des Ur-Chaos, jener unendlichen, formlosen Leere, die existierte, bevor der erste Gott das Licht brachte. Einige Mythen erzählen sogar, dass er aus der Nabelschnur des Sonnengottes Ra geboren wurde, als dieser aus dem Ur-Wasser emporstieg. Damit wäre Apophis eine Art dunkler, vergessener Bruder, der aus Neid und Hass für immer versucht, die Schöpfung seines Bruders zu vernichten.
Der ewige Kampf: Kann das Licht die Finsternis besiegen?
Der Kampf zwischen Ra und Apophis findet nicht am Himmel statt, sondern in der gefährlichsten aller Welten: der ägyptischen Unterwelt, auch Duat genannt. Jede Nacht, nachdem die Sonne im Westen untergegangen ist, besteigt Ra seine Sonnenbarke, um durch die zwölf Stunden der Finsternis zu reisen und am nächsten Morgen im Osten wiedergeboren zu werden. Und genau hier, in der tiefsten Dunkelheit, lauert Apophis.
Nacht für Nacht greift die gigantische Schlange die heilige Barke an. Mit seinem gewaltigen Körper versucht er, das Schiff zu umschlingen und in die Tiefe zu ziehen, oder er trinkt das Wasser des unterirdischen Flusses, um die Barke auf Sandbänken stranden zu lassen. Doch Ra ist nicht allein. An seiner Seite kämpfen mächtige Götter wie Seth, der mit seinem Speer am Bug des Schiffes steht, um die Schlange abzuwehren. Mit Schwertern und magischen Waffen stechen die Verteidiger auf Apophis ein, doch die Haut der Chaosschlange ist so widerstandsfähig, dass sie kaum verletzt werden kann.
Warum färbt sich der Himmel beim Sonnenuntergang rot?
Der Höhepunkt des Kampfes findet in den Stunden vor der Morgendämmerung statt. Hier, in der zwölften Stunde der Nacht, gelingt es den Göttern meist, Apophis mit vereinten Kräften zu überwältigen, ihn zu fesseln, mit Messern zu zerstückeln und magisch zu verbrennen. Zwar kann Apophis niemals endgültig sterben, da das Chaos ein ewiger Teil der Welt ist, doch er wird besiegt und für den Moment vernichtet.
Die alten Ägypter glaubten, dass das leuchtende Rot des Morgenhimmels ein Zeichen dieses erbitterten Kampfes ist – es ist das vergossene Blut des verletzten Apophis, das den Himmel färbt, kurz bevor Ra siegreich am Horizont erscheint und ein neuer Tag beginnt.
Die Macht der Magie und die Angst vor der Finsternis
Obwohl die Götter jede Nacht kämpften, wussten die Menschen, dass dieser Sieg niemals sicher war. Ein Moment der Schwäche hätte das Ende der Welt bedeuten können. Daher halfen die Priester in den Tempeln mit mächtigen Ritualen nach. Sie schrieben den Namen von Apophis auf Papyrus und verbrannten ihn, sie fertigten Schlangenfiguren aus Wachs und zerstörten sie oder sprachen laute Bannsprüche, um die Schlange zu schwächen und dem Sonnengott Kraft zu spenden.
Ganz selten, so glaubte man, war Apophis beinahe erfolgreich. Wenn es ihm gelang, die Sonnenbarke für einen kurzen Moment vollständig zu verschlingen, kam es zu einer Sonnenfinsternis. Für die Ägypter war dies ein Moment des puren Schreckens, ein Zeichen dafür, dass das Chaos kurz vor dem Sieg stand. Doch am Ende war die Macht des Lichts und der Ordnung immer stark genug, um die Finsternis zurückzudrängen und den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht fortzusetzen.
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