Die Mythen rund um die Götter sind voller Wunder, Dramen und unvorhersehbarer Wendungen. Kaum eine Geschichte ist jedoch so außergewöhnlich wie die der Aphrodite, deren Geburt auf einen grausamen Akt zurückgeht und deren Einfluss das Schicksal von Göttern und Menschen für immer prägen sollte.
Wie die Göttin der Schönheit aus Gewalt und Meeresschaum entstand
Am Anbeginn der Zeit herrschte der Himmelsgott Uranos. Doch seine Herrschaft war grausam, und so überzeugte seine Frau Gaia, die Erde selbst, ihren Sohn Kronos – einen mächtigen Titanen – sich gegen den Vater zu stellen. Kronos griff seinen Vater an, verstümmelte ihn und warf dessen abgetrenntes Glied ins große Meer. Dort, wo es die Wellen berührte, begann das Wasser zu brodeln und zu schäumen.
Aus diesem schneeweißen Meeresschaum stieg schließlich eine göttliche Gestalt empor: Aphrodite, bereits eine vollkommen erwachsene Frau von atemberaubender Schönheit. Sanfte Winde trugen sie zur Insel Kypros (dem heutigen Zypern), wo sie zum ersten Mal Land betrat. Dieser Ort wurde für immer zu einem Zentrum ihrer Verehrung. Obwohl sie älter war als die meisten Götter des Olymps, schlug sie sich im großen Krieg der Götter gegen die Titanen auf die Seite von Zeus und erhielt so ihren festen Platz unter den Mächtigsten.
Zwischen dem Schmied und dem Krieger
Aphrodites Schönheit war so überwältigend, dass Zeus befürchtete, die anderen Götter würden um ihre Hand in einen endlosen Streit geraten. Um den Frieden zu wahren, griff er zu einer List und verheiratete sie mit Hephaistos, dem Gott der Schmiedekunst. Hephaistos war zwar ein Meister seines Fachs, aber durch einen Sturz vom Olymp hinkte er und galt als der unattraktivste unter den Göttern.
Aphrodite empfand keine Liebe für ihren Gatten und fand schon bald Trost in den Armen eines anderen: Ares, der schneidige und ungestüme Gott des Krieges. Ihre heimliche Liebelei blieb jedoch nicht lange unentdeckt. Hephaistos, der von der Affäre erfuhr, sann auf eine listige Rache. In seiner göttlichen Schmiede fertigte er ein unsichtbares, aber unzerreißbares Netz aus feinster Bronze. Dieses spannte er heimlich über dem Ehebett.
Als Ares seine Geliebte erneut besuchte, löste Hephaistos die Falle aus. Das Netz fiel herab und umschlang die beiden nackten Liebenden, die sich nicht mehr befreien konnten. Daraufhin rief der betrogene Ehemann alle anderen Götter des Olymps herbei, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Das Gelächter der Götter hallte durch den Palast, als sie das gefangene Paar sahen.
Die tragische Liebe zu Adonis
Dieser Vorfall tat Aphrodites Leidenschaft jedoch keinen Abbruch. Sie hatte viele Liebschaften, doch keine berührte ihr Herz so tief wie die zu Adonis, einem sterblichen Königssohn von unglaublicher Schönheit. Doch diese Liebe zog den Zorn des eifersüchtigen Ares auf sich. Während Adonis auf der Jagd war, verwandelte sich der Kriegsgott in einen wilden Eber, griff ihn an und verletzte ihn tödlich.
Aphrodite war untröstlich über den Verlust ihres geliebten Adonis. In ihrer Verzweiflung flehte sie Persephone, die Königin der Unterwelt, an, ihn freizugeben. Es wurde eine Abmachung getroffen: Adonis durfte eine Hälfte des Jahres bei Aphrodite im Licht der Oberwelt verbringen, die andere Hälfte musste er jedoch im Reich der Toten weilen. So erklärt der Mythos bis heute den Wechsel der Jahreszeiten – wenn Adonis bei Aphrodite ist, blüht die Welt im Frühling und Sommer auf.
Wie ein goldener Apfel einen zehnjährigen Krieg auslöste
Aphrodites größter Einfluss auf die Welt der Sterblichen begann jedoch auf einer Hochzeit, zu der alle Götter eingeladen waren – außer Eris, der Göttin der Zwietracht. Gekränkt warf sie einen goldenen Apfel mit der Aufschrift »Für die Schönste« mitten unter die feiernden Göttinnen. Sofort entbrannte ein Streit zwischen Hera, Athene und Aphrodite, wem dieser Apfel gebühre.
Zeus entschied weise, dass der junge Prinz Paris von Troja das Urteil fällen sollte. Jede der drei Göttinnen versuchte, ihn mit einem Versprechen zu bestechen. Hera bot ihm Macht, Athene Weisheit und militärischen Ruhm. Aphrodite aber versprach ihm die Liebe der schönsten sterblichen Frau der Welt: Helena von Sparta.
Paris entschied sich für Aphrodite und erhielt den goldenen Apfel. Mit der Hilfe der Göttin gelang es ihm daraufhin, Helena zu entführen, obwohl diese bereits verheiratet war. Diese Tat verletzte die Ehre der Griechen zutiefst und wurde zum Auslöser für den legendären Trojanischen Krieg. Zehn Jahre lang standen sich die Heere vor den Mauern Trojas gegenüber, unterstützt von den zerstrittenen Göttinnen, bis die Griechen die Stadt schließlich durch die List des Trojanischen Pferdes eroberten und zerstörten.
Göttliche Kinder: Aphrodites berühmter Nachwuchs
Aus Aphrodites zahlreichen Liebschaften mit Göttern und Sterblichen ging eine Reihe bemerkenswerter Kinder hervor. Jedes von ihnen trug einen Teil ihres Wesens in sich und repräsentierte eine andere Facette der Liebe, der Leidenschaft und ihrer Konsequenzen.
-
Die Kinder des Kriegsgottes Ares: Ihre berühmteste und stürmischste Affäre mit dem Kriegsgott Ares brachte mehrere Kinder hervor, die die Extreme von Liebe und Konflikt verkörperten:
-
Eros: Der wohl bekannteste ihrer Söhne, der oft als geflügelter kleiner Bogenschütze dargestellt wird. Mit seinen goldenen Pfeilen kann er bei Göttern und Menschen unbändige Liebe entfachen, während seine bleiernen Pfeile das genaue Gegenteil bewirken. Oft war er der treue, wenn auch manchmal schelmische, Begleiter seiner Mutter.
-
Deimos & Phobos: Die schrecklichen Zwillingsbrüder, deren Namen »Furcht« und »Schrecken« bedeuten. Sie begleiteten ihren Vater Ares in die Schlacht und verbreiteten Panik unter den Kriegern.
-
Harmonia: Ihr Name bedeutet »Eintracht« oder »Harmonie«. Sie stand als Göttin für den Ausgleich zwischen der zerstörerischen Wut ihres Vaters und der verbindenden Liebe ihrer Mutter.
-
Der Held von Rom: Aphrodite liebte auch Sterbliche. Aus ihrer Verbindung mit dem trojanischen Hirten Anchises ging ein Sohn hervor, der Geschichte schreiben sollte:
-
Äneas: Er war einer der wenigen trojanischen Helden, die den Untergang der Stadt überlebten. Auf Geheiß der Götter segelte er über das Mittelmeer und landete nach langer Irrfahrt in Italien. Seine Nachkommen sollten der Legende nach die Stadt Rom gründen, weshalb Aphrodite unter ihrem römischen Namen Venus zur Stammmutter des Römischen Reiches wurde.
-
Weitere bedeutende Kinder: Auch mit anderen Göttern hatte Aphrodite Nachkommen, die ihre eigenen, einzigartigen Mythen prägten. Mit dem Götterboten Hermes zeugte sie zum Beispiel Hermaphroditos, ein Wesen, das später mit einer Nymphe zu einem Zwitterwesen verschmolz.
Einen Kommentar schreiben