Was ist »Lore«?
Alte Chroniken, vergessene Sprachen und verborgenes Hintergrundwissen einer Zauberwelt
Wenn ein Buch aufgeschlagen wird, geschieht etwas Erstaunliches: Schwarze Druckbuchstaben auf weißem Papier verwandeln sich im Kopf in weite Meere, uralte Bergfestungen und den feurigen Atem fliegender Lindwürmer. Der britische Sprachforscher und Schriftsteller J. R. R. Tolkien dachte lange darüber nach, warum menschliche Gedanken überhaupt dazu fähig sind, sich in fremden Gefilden zu verlieren. Im Jahr 1939 hielt er einen berühmten Vortrag mit dem Titel Über Feenmärchen (On Fairy-Stories). Darin legte er eine Theorie dar, die bis heute als das Fundament des modernen Weltenbaus gilt: die Unterscheidung zwischen der Primärwelt und der Sekundärwelt.
Die Grundlage dieses Denkens ist denkbar einfach: Es gibt die Welt, die man mit Händen greifen kann – die Primärwelt. In ihr gibt es Steuern, Erkältungen, Wissenschaft und feste Grenzen. Daneben steht die Sekundärwelt. Sie ist kein bloßer Traum und keine einfache Lüge, sondern ein eigenständiges Universum der Fantasie.
Eine gelungene Zweitwelt besitzt einen eigenen Schöpfungsmythos, eigene Zeitalter und Landkarten. Wenn eine Erzählung in einer solchen Welt spielt, verweist nichts darin auf die reale Erde. Der Leser reist in Gedanken an einen Ort, der nach eigenen Regeln atmet. Genau hier liegt der Unterschied zur bloßen Illusion: Eine Sekundärwelt will nicht täuschen, sondern einen Raum des echten Staunens öffnen.
Tolkien prägte für das Erschaffen solcher Reiche den Begriff der Zweitschöpfung (Sub-Creation). Seine Überlegung besagt: Ein menschlicher Autor kann niemals wie ein göttlicher Schöpfer etwas aus dem absoluten Nichts erschaffen. Stattdessen nimmt der Erzähler bekannte Dinge aus der Primärwelt – Bäume, Steine, Sprachen, Metalle oder Gefühle – und setzt sie auf neue, faszinierende Weise zusammen.
Ein berühmtes Beispiel verdeutlicht diesen Vorgang:
Jeder Mensch weiß, wie die Sonne aussieht und was die Farbe Grün bedeutet. Verbindet ein Schreiber diese beiden bekannten Dinge zu einer „grünen Sonne“, entsteht etwas völlig Neues. Doch die bloße Behauptung reicht nicht aus. Die Kunst der Zweitschöpfung verlangt, dass die Welt um diese grüne Sonne herum glaubwürdig bleibt. Wie reagieren die Pflanzen darauf? Welche Schatten wirft dieses Licht? Wenn der Autor diese Fragen logisch beantwortet, entsteht eine innere Stimmigkeit, die den Leser fesselt.
Schöpfungsebene |
Primärwelt |
Sekundärwelt |
|---|---|---|
Ursprung |
Die reale Schöpfung / Natur |
Menschlicher Geist durch Sub-Creation |
Naturgesetze |
Feste Physik, Biologie, Geologie |
Individuelle Regeln, Magiesysteme, eigene Mythen |
Wahrnehmung |
Physische Sinne im Alltag |
Geistiges Erleben und innere Vorstellungskraft |
Erfolgsbedingung |
Existiert unabhängig vom Betrachter |
Gelingt nur durch lückenlose innere Logik |
Vor Tolkiens Zeit glaubten viele Literaturkritiker, dass Menschen beim Lesen von Märchen lediglich ihren Verstand „ausschalten“ – ein Vorgang, der im Englischen als Suspension of Disbelief (das bewusste Ausblenden von Zweifeln) bezeichnet wird. Man tut also nur so, als ob man an Drachen glaubt, weiß aber insgeheim, dass alles Unsinn ist.
Tolkien widersprach dieser Ansicht entschieden. Er argumentierte, dass bei einer meisterhaft gebauten Welt ein viel höherer Zustand erreicht wird: der Sekundäre Glaube (Secondary Belief). Der Leser muss seinen Verstand nicht betäuben. Stattdessen tritt das Bewusstsein freiwillig in das fremde Reich ein und akzeptiert dessen Regeln als absolut wahr – solange die Geschichte diese eigenen Gesetze nicht bricht. Sobald jedoch ein unlogischer Fehler auftaucht (etwa ein Zauberer, der plötzlich ohne Erklärung wie ein moderner Wissenschaftler spricht), bricht dieser Zauberbann zusammen. Der Leser wird unsanft in die Primärwelt zurückgeworfen.
Das Konzept von Primär- und Sekundärwelt zeigt, dass fantastische Geschichten ein Beweis für die schöpferische Kraft der Sprache sind. Indem Menschen Welten erdenken, die es niemals gab, betrachten sie die reale Welt anschließend oft mit wacheren Augen, tieferem Respekt und einem erneuerten Sinn für das Wunderbare.
Mythologische Quellen & Fußnoten
Das sprachliche Fundament der Zweitschöpfung beruht auf Werken wie dem Heldengedicht Beowulf und dem Schöpfungslied Cædmon’s Hymn aus dem 7. Jahrhundert. Tolkien, der als Professor für Altenglisch in Oxford lehrte, sah in den angelsächsischen Begriffen für Mittelerde (Middangeard) den historischen Beweis dafür, dass Menschen ihre Welt schon immer als einen umgrenzten Raum zwischen Himmel und finsteren Abgründen verstanden haben.
Die Idee einer geschlossenen Sekundärwelt mit eigenen Bewohnern schöpft direkt aus der altisländischen Lieder-Edda. Die Einteilung des Kosmos in neun eigenständige Reiche – wie das von Riesen bewohnte Jötunheim oder das Elfenreich Álfheim – lieferte das Vorbild dafür, dass unterschiedliche Völker in geordneten, klar voneinander getrennten Sphären existieren können.
Die Erzähltradition der keltischen Anderswelt (bekannt als Tír na nÓg oder Annwn) prägte die Vorstellung einer Welt, die parallel zur gewöhnlichen Realität liegt. In diesen Sagen betritt der Wanderer ein Reich, in dem Zeit und Raum anderen Gesetzen folgen, was Tolkien als Wesenskern jeder echten Feen-Erzählung (Faërie) beschrieb.
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Imagination wurzelt in den Schriften des Dichters Samuel Taylor Coleridge aus dem 19. Jahrhundert. Während Coleridge das einfache „Ausblenden des Zweifels“ vertrat, entwickelte Tolkien diesen Gedanken weiter zur aktiven Schöpfung einer neuen Wirklichkeit, die den Menschen als Mitschöpfer der Sprache begreift.
Aktualisiert am: 22.08.2026
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